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Sommerloch im Recruiting? Genau umgekehrt

„Im Sommer bewirbt sich niemand." Menschen sind am Handy, wenn sie frei haben — und im Sommer haben viele frei.

Kurz gesagt

  • „Im Sommer bewirbt sich niemand" ist eine verbreitete Annahme. Unsere Erfahrung über mehrere Jahre spricht dagegen.
  • Der Grund ist einfach: Eine Feed-Anzeige erreicht Menschen in der Freizeit — und im Sommer haben mehr Menschen mehr Freizeit.
  • Dazu kommt: Weniger Betriebe werben, weil viele derselben Annahme folgen. Dieselbe Sichtbarkeit ist dadurch günstiger.
  • Was tatsächlich schwierig ist, ist nicht die Bewerberseite, sondern die eigene: Wer im Urlaub ist, ruft nicht zurück.
  • Praktische Regel: Kampagne laufen lassen, Rückrufe organisieren. Nicht umgekehrt.

Jedes Jahr im Juni hören wir denselben Satz: „Über den Sommer pausieren wir, da bewirbt sich sowieso niemand." Und jedes Jahr im September: „Jetzt müssen wir dringend jemanden finden."

Wir schalten seit Jahren auch im Juli und August Kampagnen. Der Sommer gehört nach unserer Erfahrung nicht zu den schwachen Monaten — im Gegenteil.

Warum die Annahme falsch ist#

Sie stammt aus einer anderen Zeit und einem anderen Kanal. Bei Zeitungsanzeigen und Jobportalen stimmte sie: Wer im Urlaub ist, liest keine Stellenanzeigen, und wer im Bewerbungsprozess steckt, unterbricht ihn über den Sommer.

Für den Feed gilt das Gegenteil. Eine Feed-Anzeige erreicht Menschen nicht bei der Arbeit, sondern in der Freizeit — abends, am Wochenende, im Wartezimmer, am Strand. Und Freizeit gibt es im Sommer mehr als sonst.

Wir hören dasselbe von Betrieben in der Gastronomie: Anfragen und Bewerbungen kommen nicht weniger, sondern zu anderen Tageszeiten.

Der zweite Effekt: weniger Wettbewerb#

Werbeplätze im Feed werden versteigert. Wenn viele Unternehmen dieselbe Zielgruppe ansprechen, steigt der Preis je Einblendung.

Wenn ein erheblicher Teil der Betriebe im Sommer pausiert — weil sie der Annahme oben folgen —, ist die Konkurrenz um Recruiting-Einblendungen geringer. Dasselbe Budget kauft mehr Sichtbarkeit, und deine Anzeige ist nicht die sechste, die jemand diese Woche sieht.

Dasselbe Muster gilt im Dezember, aus denselben Gründen (Dezember ist die beste Recruiting-Zeit).

Was im Sommer tatsächlich schwierig ist#

Der ehrliche Teil: Es gibt ein echtes Sommerproblem, es liegt nur nicht bei den Bewerbern.

Die eigene Erreichbarkeit. Wer selbst im Urlaub ist oder eine dünn besetzte Mannschaft hat, ruft nicht binnen 72 Stunden zurück. Und genau das entscheidet über das Ergebnis (Die ersten 72 Stunden).

Entscheidungswege. Wenn der zweite Geschäftsführer drei Wochen weg ist und ohne ihn nichts zugesagt wird, verlierst du Kandidaten an schnellere Betriebe.

Probearbeiten und Einarbeitung. In der Hochsaison ist niemand da, der einarbeiten kann. Das ist ein reales Argument — allerdings eines für einen späteren Starttermin, nicht gegen die Suche.

Alle drei betreffen die eigene Organisation. Sie sind lösbar, wenn man sie vorher benennt.

Was im Sommer angepasst gehört#

Die Tageszeit der Rückrufe. In der Gastronomie liegen die guten Fenster zwischen Mittag- und Abendservice; in Urlaubsregionen verschiebt sich das mit der Auslastung. Nach unserer eigenen Auswertung ist 13 bis 14 Uhr allgemein die beste Stunde, der Wochentag spielt kaum eine Rolle (die Auswertung).

Mehr Kontaktversuche. Wer im Urlaub ist, hebt nicht ab. Fünf Versuche über zwei Wochen statt drei über drei Tage — und dazwischen eine kurze Nachricht.

Der Starttermin darf später liegen. „Start ab September" ist im Juli völlig in Ordnung und für viele Kandidaten sogar angenehmer, weil sie ihre Kündigungsfrist einhalten können. Wichtig ist nur, dass die Zusage im Sommer fällt.

Für Saisonbetriebe gilt etwas anderes#

Wer Saisonpersonal für den Sommer sucht, hat den Zeitpunkt im Juli bereits verpasst — dort liegt der Start Ende März (Sommersaison). Was im Juli für Saisonbetriebe funktioniert, ist die Nachbesetzung: kurzfristig verfügbare Kräfte, Saisonprofis zwischen zwei Stellen, Studenten.

Und der Blick nach vorn: Wer im Juli mit der Wintersaison beginnt, ist früh — aber Anfang Oktober ist der Startzeitpunkt, und der Bedarf steht im Juli schon fest (Wintersaison).

Was daraus für die Jahresplanung folgt#

Sortiert man die Monate danach, wie viel Sichtbarkeit ein Budget einkauft und wie aufnahmebereit die Zielgruppe ist, sieht das Bild anders aus, als die verbreitete Vorstellung nahelegt:

ZeitraumEinschätzung
Juni bis Septembermehr Freizeit, weniger Recruiting-Wettbewerb — gut
Oktober/NovemberKernzeit für Saisonbetriebe, entsprechend umkämpft
Dezemberwenig Wettbewerb, Wechselanlass Jahreswechsel — gut
Januaralle starten gleichzeitig, teurer
Februar bis Maisolide, planbar

Das ist eine Erfahrungseinschätzung aus unseren eigenen Kampagnen, keine Marktstudie. Sie ist aber konsistent genug, dass wir Kunden regelmäßig davon abraten, den Sommer auszulassen.

Häufige Fragen

Lohnt sich Recruiting im Sommer?

Nach unserer Erfahrung ja. Menschen sind im Feed erreichbar, wenn sie freie Zeit haben, und im Sommer werben weniger Betriebe um dieselbe Zielgruppe. Die Einschränkung liegt auf der eigenen Seite: Rückrufe müssen trotz Urlaubszeit organisiert sein.

Bewerben sich im Juli und August weniger Leute?

In unseren Kampagnen nicht. Was sich verschiebt, sind die Tageszeiten der Bewerbungen und die Erreichbarkeit für Rückrufe — nicht die Menge.

Sollte ich die Kampagne über den Betriebsurlaub pausieren?

Wenn niemand zurückrufen kann, ja. Dann pausierst du aber wegen der eigenen Kapazität, nicht wegen der Bewerber. Wenn eine Vertretung möglich ist, ist Durchlaufen die bessere Wahl — auch weil der Algorithmus seine Lernphase behält.

Kann ich im Sommer für einen Start im Herbst suchen?

Ja, und das ist oft die beste Kombination. Kandidaten können ihre Kündigungsfrist einhalten, und du hast Zeit für einen sauberen Auswahlprozess. Entscheidend ist, dass die Zusage im Sommer fällt und nicht vertagt wird.

Saison Timing Grundlagen

Geschrieben von

Dipl.-Ing. Dr. techn. Gerhard Reisinger

Promovierter Automatisierungsforscher (TU Wien), davor Fraunhofer Austria. Baut seit 2022 Recruiting-Kampagnen und die KI dahinter.

  • Dissertation TU Wien 2022 — „Entwicklung eines Vorgehensmodells zur automatisierten Informationsversorgung visueller Werkerführungssysteme"
  • 318 Zitationen, h-Index 6 (Google Scholar, Stand 30.07.2026)
  • Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Fraunhofer Austria — MMAssist II, Pilotfabrik Industrie 4.0 der TU Wien
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