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Was Bewerber wirklich lesen — und was sie überspringen

Eine Stellenanzeige wird nicht gelesen, sondern gescannt. Wer das weiß, ordnet die Informationen anders an — und verliert weniger Leser auf halbem Weg.

Kurz gesagt

  • Eine Stellenanzeige wird gescannt, nicht gelesen. Erst wenn etwas hängen bleibt, beginnt echtes Lesen.
  • Vier Elemente werden fast immer gelesen: Titel, erste zwei Zeilen, Gehalt, Bewerbungsweg. Alles dazwischen ist optional.
  • Der Abschnitt „Wir bieten" steht in den meisten Anzeigen zu weit unten — und ist genau der, der über das Weiterlesen entscheidet.
  • Anforderungslisten mit mehr als fünf Punkten wirken abschreckend, besonders auf Kandidatinnen und Kandidaten, die nur teilweise passen.
  • Die brauchbare Reihenfolge lautet: Angebot → Beweis → Aufgabe → Anforderung → Weg. Die meisten Anzeigen machen es genau umgekehrt.

Eine Stellenanzeige wird nicht von oben nach unten gelesen. Sie wird überflogen: Titel, erster Absatz, ein Blick auf die Aufzählungen, Suche nach dem Gehalt, Suche nach dem Bewerbungsweg. Erst wenn dabei etwas hängen bleibt, beginnt jemand tatsächlich zu lesen.

Wer eine Anzeige so aufbaut, als würde sie vollständig gelesen, verliert deshalb Leser an Stellen, die er gar nicht bemerkt.

Was zuverlässig gelesen wird#

Der Titel. Er entscheidet, ob es überhaupt weitergeht. Und er muss die Bezeichnung enthalten, die der Kandidat für sich selbst verwendet — nicht die aus deinem Dienstplan. „Chef de Partie" und „Koch" sprechen unterschiedliche Menschen an.

Die ersten ein bis zwei Zeilen. Im Feed ist das der sichtbare Teil vor „mehr anzeigen". Auf einem Portal die erste Zeile nach der Überschrift. In beiden Fällen entscheidet sich hier, ob jemand aufklappt.

Das Gehalt. Wird gesucht, unabhängig davon, ob es dasteht. Wenn nichts dasteht, rechnet der Leser mit dem gesetzlichen Minimum — das ist keine Vermutung, sondern die naheliegende Annahme.

Der Bewerbungsweg. Am Ende, und er wird geprüft, bevor gelesen wird. Wer dort „vollständige Bewerbungsunterlagen per E-Mail" liest, klappt die Anzeige zu.

Was übersprungen wird#

„Wir suchen zur Verstärkung unseres Teams…" Dieser Absatz beschreibt deinen Bedarf. Der Leser hat kein Interesse an deinem Bedarf, und er weiß bereits, dass du suchst — sonst wäre da keine Anzeige.

Die Unternehmensvorstellung am Anfang. „Seit 1987 stehen wir für Qualität…" wird überblättert. Sie darf vorkommen, aber weiter unten und in zwei Sätzen.

Lange Anforderungslisten. Ab etwa fünf Punkten wird nicht mehr gelesen, sondern abgeschätzt — und wer nicht alles erfüllt, steigt aus. Das trifft in der Praxis überdurchschnittlich oft die Leute, die man gerne hätte: Wer sich selbst kritisch einschätzt, bewirbt sich bei einer Zwölf-Punkte-Liste nicht.

Floskeln jeder Art. „Familiäres Betriebsklima", „leistungsgerechte Bezahlung", „abwechslungsreiche Tätigkeit". Sie stehen in so vielen Anzeigen, dass sie beim Scannen gar nicht mehr registriert werden.

Die Reihenfolge, die funktioniert#

PositionInhaltwarum hier
1. Angebotein konkreter Vorteil, überprüfbarentscheidet über das Weiterlesen
2. Beweiseine Zahl, ein Detail, das den Vorteil stütztmacht aus einer Behauptung eine Information
3. Aufgabewas die Person tatsächlich tut, 3–4 Punktebeantwortet „passt das zu mir"
4. Anforderungmaximal 4 Punkte, davon einer als Mussfiltert, ohne abzuschrecken
5. RahmenGehalt, Arbeitszeiten, Start, Ortdie Fakten, nach denen gesucht wird
6. Wegeine Handlung, klein„Bewirb dich in zwei Minuten, ohne Lebenslauf"

Die meisten Anzeigen machen es genau umgekehrt: Unternehmen, Aufgaben, Anforderungen, Benefits, Bewerbungsaufforderung. Das Angebot steht damit an vierter Stelle — hinter der Anforderungsliste, an der viele schon ausgestiegen sind.

Der Unterschied zwischen Portal und Feed#

Beide Textsorten haben unterschiedliche Leser (Aktiv suchend oder wechselbereit):

PortalanzeigeFeed-Anzeige
Leserhat entschieden zu suchenhat nichts gesucht
ZeitbudgetMinuteneine Sekunde
Erste Zeiledarf sachlich seinmuss stoppen
Längeausführlich ist in OrdnungAufhänger kurz, Rest darf lang sein
Anforderungendürfen vollständig stehenmaximal drei, sonst Abbruch

Wer denselben Text für beides verwendet, hat für eines der beiden Formate den falschen Text. Das ist der häufigste Grund, warum eine Anzeige „auf dem Portal ganz gut lief" und im Feed nicht.

Die Prüfung, die dreißig Sekunden dauert#

Drei Tests, die du an jeder Anzeige machen kannst:

Der Streichtest. Nimm den Firmennamen heraus. Könnte die Anzeige jetzt von drei anderen Betrieben in deiner Region stammen? Dann ist es keine Anzeige, sondern eine Beschreibung des Berufsbilds.

Der Zähltest. Zähl „wir" und „du". Bei den meisten Anzeigen steht es 8:1 für „wir".

Der Handytest — er gehört zu jeder Prüfung des Bewerbungsprozesses. Öffne die Anzeige auf dem Handy und schau, was oberhalb der ersten Scrollbewegung steht. Wenn dort nur Firmenname und Berufsbezeichnung stehen, hast du deine beste Fläche verschenkt.

Häufige Fragen

Wie lang sollte eine Stellenanzeige sein?

Der Anfang muss kurz sein, der Rest darf ausführlich sein. Entscheidend ist nicht die Gesamtlänge, sondern was in den ersten beiden Zeilen steht — danach liest nur weiter, wer schon interessiert ist.

Soll das Gehalt in der Stellenanzeige stehen?

In Österreich ist die Angabe des kollektivvertraglichen Mindestentgelts verpflichtend. Darüber hinaus wirkt eine konkrete Spanne stärker als eine Floskel, weil sie überprüfbar ist — und wer nichts nennt, wird mit dem Minimum gerechnet.

Wie viele Anforderungen sollte eine Stellenanzeige nennen?

Höchstens vier, davon idealerweise nur eine als zwingend. Längere Listen filtern nicht besser, sie schrecken lediglich diejenigen ab, die sich selbst kritisch einschätzen.

Kann ich dieselbe Anzeige für Portal und Social Media verwenden?

Selten mit gleichem Erfolg. Der Portalleser sucht bereits, der Feed-Leser nicht — der eine braucht vollständige Information, der andere in der ersten Sekunde einen Grund weiterzulesen.

Stellenanzeige Grundlagen Praxis

Geschrieben von

Dipl.-Ing. Dr. techn. Gerhard Reisinger

Promovierter Automatisierungsforscher (TU Wien), davor Fraunhofer Austria. Baut seit 2022 Recruiting-Kampagnen und die KI dahinter.

  • Dissertation TU Wien 2022 — „Entwicklung eines Vorgehensmodells zur automatisierten Informationsversorgung visueller Werkerführungssysteme"
  • 318 Zitationen, h-Index 6 (Google Scholar, Stand 30.07.2026)
  • Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Fraunhofer Austria — MMAssist II, Pilotfabrik Industrie 4.0 der TU Wien
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