Video oder Bild: was in Recruiting-Anzeigen wirklich zieht
· 4 Min. Lesezeit
Kurz gesagt
- Es gibt keine allgemeingültige Antwort. Welches Format zieht, entscheidet die Kampagne nach vier bis sieben Tagen, nicht die Erfahrung.
- Echtes Material schlägt Professionelles: Ein Handyvideo aus der eigenen Küche funktioniert im Feed regelmäßig besser als ein Werbespot.
- Der Ton ist aus. Wer ohne Untertitel arbeitet, verschenkt den größten Teil der Wirkung.
- Menschen schlagen Räume. Ein Foto der leeren Werkstatt zeigt eine Werkstatt; zwei Leute darin zeigen einen Arbeitsplatz.
- Die ersten drei Sekunden entscheiden. Wer dort mit einem Logo beginnt, hat die Aufmerksamkeit verloren, bevor die Aussage kam.
„Sollen wir ein Video machen oder reicht ein Foto?" ist die häufigste Frage in der Motivbesprechung. Die ehrliche Antwort ist unbefriedigend: Wir wissen es vorher nicht.
Was wir wissen, ist, wie man es herausfindet — und welche Regeln unabhängig vom Format gelten.
Warum die Frage nicht allgemein zu beantworten ist#
Wir haben oft erlebt, dass das Motiv, auf das im Betrieb alle gesetzt haben, nach vier Tagen die schwächste Variante war. Und dass ein schnell gemachtes Handyfoto — unscharf, Küche im Hintergrund unaufgeräumt — die beste Reaktion brachte.
Der Grund liegt in der Umgebung. Im Feed steht deine Anzeige zwischen Urlaubsfotos und Videos von Freunden. Was dort auffällt, ist nicht das Professionellste, sondern das Echteste. Ein Hochglanzbild sieht aus wie Werbung und wird als Werbung übersprungen.
Deshalb laufen bei uns beide Formate parallel, und die Kampagne entscheidet.
Was für Video spricht#
- Mehr Information in kurzer Zeit. Ein Rundgang durch die Küche zeigt in zwölf Sekunden mehr über den Arbeitsplatz als jeder Anzeigentext.
- Menschen sprechen lassen. Ein Mitarbeiter, der in zwanzig Sekunden sagt, warum er seit sechs Jahren da ist, ist der stärkste Beleg, den du hast — stärker als jede Formulierung von dir.
- Bewegung stoppt den Daumen. Das ist ein mechanischer Effekt, kein inhaltlicher.
Was für Bild spricht#
- Schnell erstellt, schnell geändert. Wenn nach vier Tagen ein Aufhänger nicht funktioniert, ist ein neues Bild in einer Stunde fertig. Ein neues Video nicht.
- Text im Bild wird gelesen. Auch ohne Ton, auch beim schnellen Scrollen.
- Funktioniert ohne Aufwand im Betrieb. Nicht jeder Mitarbeiter will vor die Kamera, und das gehört respektiert.
Die fünf Regeln, die für beides gelten#
1. Die ersten drei Sekunden entscheiden. Kein Logo am Anfang, keine Begrüßung, kein Vorspann. Die Aussage steht sofort. Bei einem Video heißt das: Der erste Satz ist der Aufhänger, nicht die Vorstellung.
2. Der Ton ist aus. Videos im Feed starten stumm. Ohne Untertitel geht die gesamte gesprochene Information verloren. Untertitel sind deshalb keine Zusatzleistung, sondern Voraussetzung — und inzwischen automatisch erzeugbar.
3. Menschen statt Räume. Eine leere Küche zeigt eine Küche. Zwei Leute in dieser Küche zeigen einen Arbeitsplatz. Wer Menschen zeigt, braucht deren Einverständnis — schriftlich, und mit dem Hinweis, dass das Material in Werbung verwendet wird.
4. Echtes Material statt Stockfotos — was ein Modell dabei beisteuern kann und was nicht, steht in KI-generierte Anzeigentexte. Ein gekauftes Bild wird schneller erkannt, als man denkt, und es kostet Glaubwürdigkeit. Dazu kommt der praktische Punkt: Ein Kandidat, der im Vorstellungsgespräch eine andere Küche vorfindet als in der Anzeige, sagt ab.
5. Hochkant und quadratisch, nicht querformat. Der Feed ist ein Handy. Ein Video im Querformat verschenkt zwei Drittel der Fläche.
Wie ein brauchbares Handyvideo entsteht#
Ohne Kamerateam, in zwanzig Minuten:
- Hochkant filmen. Handy senkrecht, nicht quer.
- Licht von vorne. Fenster im Rücken der Kamera, nicht im Rücken der Person.
- Nah ans Mikrofon. In einer Küche oder Werkstatt ist der Ton das Problem, nicht das Bild. Wer keine Möglichkeit hat, nah aufzunehmen, sollte auf Sprache verzichten und mit Text im Bild arbeiten.
- Eine Aussage je Video. Nicht der ganze Betrieb, sondern ein Punkt: der Dienstplan, das Team, die neue Küche.
- Zwölf bis zwanzig Sekunden. Länger sieht im Feed kaum jemand zu Ende.
- Mehrere Aufnahmen machen. Die dritte ist fast immer die beste, weil dann die Anspannung weg ist.
Wie du entscheidest, was funktioniert#
Nicht am Gefallen, sondern an zwei Zahlen:
- Wie viele Bewerbungen kommen je Motiv? Das ist die entscheidende Größe. Klickzahlen allein täuschen: Ein Motiv mit hoher Klickrate und wenigen Bewerbungen hat eine Erwartung geweckt, die die Anzeige nicht hält.
- Wie lange bleibt die Wirkung? Motive nutzen sich ab. Nach einigen Wochen sinkt die Reaktion, weil dieselben Menschen dasselbe Motiv mehrfach gesehen haben. Dann wird nachgelegt, nicht das Budget erhöht.
Was daraus folgt: Bau mehrere Varianten, lass sie vier bis sieben Tage laufen, schalte ab, was nicht zieht, und leg in der Richtung nach, die funktioniert. Das ist weniger elegant als eine Regel — aber es ist der einzige Weg, es tatsächlich zu erfahren (wie wir das aufsetzen).
Häufige Fragen
Funktionieren Videos in Recruiting-Anzeigen besser als Bilder?
Es hängt vom Einzelfall ab und lässt sich nur durch Testen klären. In unseren Kampagnen laufen beide Formate parallel; welches gewinnt, unterscheidet sich je Betrieb, Beruf und Region.
Wie lang sollte ein Recruiting-Video sein?
Zwölf bis zwanzig Sekunden. Längere Videos werden im Feed selten zu Ende gesehen — die Aussage muss in den ersten drei Sekunden stehen.
Brauche ich professionelle Fotos für meine Stellenanzeige?
Nein, und häufig sind sie sogar nachteilig. Echtes Material aus dem Betrieb wirkt im Feed glaubwürdiger als Hochglanzaufnahmen. Wichtig sind Menschen im Bild, gutes Licht und hochkantes Format.
Muss ich meine Mitarbeiter fragen, bevor ich sie zeige?
Ja, und zwar schriftlich, mit dem Hinweis auf die Verwendung in Werbung. Das ist nicht nur rechtlich geboten, sondern auch praktisch sinnvoll: Wer freiwillig dabei ist, wirkt im Bild anders als jemand, der überredet wurde.
Geschrieben von
Dipl.-Ing. Dr. techn. Gerhard Reisinger
Promovierter Automatisierungsforscher (TU Wien), davor Fraunhofer Austria. Baut seit 2022 Recruiting-Kampagnen und die KI dahinter.
- Dissertation TU Wien 2022 — „Entwicklung eines Vorgehensmodells zur automatisierten Informationsversorgung visueller Werkerführungssysteme"
- 318 Zitationen, h-Index 6 (Google Scholar, Stand 30.07.2026)
- Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Fraunhofer Austria — MMAssist II, Pilotfabrik Industrie 4.0 der TU Wien