Zweite Saison, dieselben Leute
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Der Fall auf einen Blick
- Ein Hotel in Kramsach, Tirol, besetzte über eine Kampagne Kellner, Frühstückskellner und Küchenchef.
- In der zweiten Saison waren beide Kellner noch da, die Frühstückskellnerin ebenfalls — und der Küchenchef für die kommende Saison zugesagt.
- Die Inhaberin hat den Betrieb außerdem zwei Kollegen empfohlen. Das ist der Nebeneffekt, der in keiner Kampagnenauswertung auftaucht.
- Die Bedenken vorher waren die üblichen: „Funktioniert das wirklich? Und natürlich: Was kostet das?"
- Übertragbar ist nicht die Zahl, sondern der Mechanismus: Wer beim Abschied fragt, muss im Frühjahr weniger ausschreiben.
Die meisten Fallbeispiele im Recruiting enden bei der Einstellung. Dieser hier ist interessant, weil er ein Jahr später weitergeht.
Die Ausgangslage#
Ein Hotel in Kramsach in Tirol suchte für die Saison Kellner, eine Frühstückskellnerin und einen Küchenchef. Die Bedenken der Inhaberin vor dem Start waren die, die wir in fast jedem Erstgespräch hören:
Funktioniert das wirklich? Und natürlich: Was kostet das? Ist das leistbar? Rentiert sich das im Verhältnis zu den klassischen Schritten?
Inhaberin, Hotel Gappen, Kramsach/Tirol
Die dritte Frage ist die eigentliche. Sie lässt sich nicht mit einer Referenz beantworten, sondern nur mit einer Gegenrechnung: Was kostet ein Sommer, in dem der Küchenchef fehlt? (Die Rechnung)
Was passierte#
Die Stellen wurden besetzt. Interessant ist, was danach kam:
Die Kellner sind beide noch da, jetzt schon die zweite Saison. Die Frühstückskellnerin auch. Und den Küchenchef haben wir für die nächste Saison. Ich hab es eh schon 2 Kollegen empfohlen.
Inhaberin, Hotel Gappen
Vier Punkte in vier Sätzen, und der letzte ist der, den keine Kampagnenauswertung erfasst.
Warum die zweite Saison die eigentliche Zahl ist#
In der Saisongastronomie wird Erfolg fast immer an der Besetzung gemessen. Das ist die falsche Größe.
Wer im Mai besetzt und im Oktober alle wieder verliert, hat im März dasselbe Problem — plus die Einarbeitung, plus die Kampagne, plus die Zeit. Wer zwei von drei Kräften in der zweiten Saison hält, hat den Aufwand halbiert, ohne eine einzige Anzeige zu schalten.
Die billigste Besetzung ist die, die man nicht ausschreiben muss. Das ist keine Weisheit, sondern eine Rechnung: Eine Rückkehrerin kostet einen Anruf. Eine Neubesetzung kostet Kampagne, Auswahlzeit, Einarbeitung und das Risiko, dass sie nicht bleibt.
Was dafür nötig ist#
Der Mechanismus ist banal und wird trotzdem selten angewendet:
1. Beim Abschied fragen, nicht Monate später. „Wie sieht es bei dir nächstes Jahr aus?" kostet dreißig Sekunden am letzten Arbeitstag. Wer erst im Februar anruft, spricht mit jemandem, der schon zugesagt hat — woanders.
2. Im Januar mit einem konkreten Angebot erinnern. Nicht „falls du Interesse hast", sondern „ab 15. Mai, gleiche Position, gleicher Lohn plus X, Zimmer wie letztes Jahr". Konkretes lässt sich annehmen, Unverbindliches nicht.
3. Während der Saison den Grund liefern. Was Saisonkandidaten tatsächlich entscheidet, steht in Saisonkräfte im Tourismus.
Rückkehr entscheidet sich nicht im Winter, sondern im August: am Dienstplan, an der Verlässlichkeit von Zusagen, daran, ob freie Tage gehalten wurden. Das ist der Teil, den keine Kampagne ersetzen kann.
Die Empfehlung als Nebeneffekt#
Der Satz „Ich hab es eh schon 2 Kollegen empfohlen" beschreibt einen Effekt, der in der Tourismusregion mehr wiegt als in der Stadt: Die Betriebe kennen einander, man spricht sich ab, man tauscht Personal.
Für uns ist das messbar unangenehm — Empfehlungen tauchen in keinem Werbekonto auf. Für einen Betrieb ist es der Beleg, dass etwas funktioniert hat, denn niemand empfiehlt eine Sache weiter, die er selbst bereut.
Was du aus dem Fall mitnehmen kannst#
- Miss die zweite Saison, nicht die Besetzung. Eine Kampagne, nach der alle im Oktober gehen, war nur ein Aufschub.
- Frag am letzten Arbeitstag. Das ist der Moment mit der höchsten Zusagewahrscheinlichkeit und der niedrigste Aufwand im ganzen Prozess.
- Rechne die Rückkehrer aus der Ausschreibung heraus, bevor du das Kampagnenbudget planst. Es sind meist mehr, als man annimmt.
- Die Bedenken vorher sind normal. „Funktioniert das, und was kostet es" ist die Standardfrage — und sie gehört mit einer Gegenrechnung beantwortet, nicht mit einem Versprechen.
Das vollständige Interview liegt öffentlich auf unserer Referenzseite.
Häufige Fragen
Wie halte ich Saisonkräfte für die nächste Saison?
Indem du am letzten Arbeitstag fragst und im Januar mit einem konkreten Angebot erinnerst — Position, Zeitraum, Lohn, Unterkunft. Unverbindliche Anfragen im Frühjahr kommen zu spät.
Wann sollte ich Rückkehrer ansprechen?
Zweimal: beim Abschied und im Januar. Der erste Zeitpunkt sichert die Absicht, der zweite die Zusage. Erst danach lässt sich sinnvoll planen, wie viele Stellen wirklich ausgeschrieben werden müssen.
Lohnt sich eine Kampagne, wenn ich nur zwei Stellen suche?
Das hängt daran, was die unbesetzten Stellen im Betrieb kosten. In der Saisongastronomie ist das häufig ein reduzierter Betrieb oder ein zusätzlicher Ruhetag — und dann rechnet sich der Aufwand schnell.
Sind solche Ergebnisse typisch?
Nein, es ist ein Einzelfall. Typisch ist die Struktur: Wer während der Saison verlässlich plant und beim Abschied fragt, hat im Frühjahr weniger auszuschreiben. Das ist der übertragbare Teil, nicht die Zahl.
Geschrieben von
Dipl.-Ing. Dr. techn. Gerhard Reisinger
Promovierter Automatisierungsforscher (TU Wien), davor Fraunhofer Austria. Baut seit 2022 Recruiting-Kampagnen und die KI dahinter.
- Dissertation TU Wien 2022 — „Entwicklung eines Vorgehensmodells zur automatisierten Informationsversorgung visueller Werkerführungssysteme"
- 318 Zitationen, h-Index 6 (Google Scholar, Stand 30.07.2026)
- Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Fraunhofer Austria — MMAssist II, Pilotfabrik Industrie 4.0 der TU Wien