Zum Inhalt springen
SocialTalents Blog Erstgespräch buchen

130 Bewerbungen auf einer Nordseeinsel

„Können wir irgendwie eine Pause machen? Das läuft zu gut." Ein Café auf Borkum, rund 130 Bewerbungen in einem Monat — und was das für den Betrieb bedeutete.

Der Fall auf einen Blick

  • Ein Café auf der Insel Borkum suchte Servicekräfte und Allrounder und bekam in einem Monat rund 130 Bewerbungen.
  • Aus dem Bestand wurden zehn Bewerbungsgespräche geführt; die Inhaberin sprach von „mindestens 20 Rosinen".
  • Der Betrieb bat schließlich um eine Pause der Kampagne — nicht, weil sie schlecht lief, sondern weil sie zu gut lief.
  • Die Lehre ist nicht „viel hilft viel". 130 Bewerbungen sind nur dann ein Ergebnis, wenn jemand sie bearbeitet.
  • Ein Standort in Randlage ist im Feed kein Nachteil — dort ist die Konkurrenz um Aufmerksamkeit geringer als in der Stadt.

Wer nach Erfahrungen mit Social Recruiting in der Gastronomie sucht, findet meistens Zahlen ohne Kontext. Dieser Fall hat beides — und einen Standort, bei dem die meisten abwinken würden.

Borkum ist eine Nordseeinsel mit rund 5.000 Einwohnern. Wer dort in der Gastronomie arbeitet, wohnt entweder auf der Insel oder zieht dafür hin. Es ist ungefähr der Standort, bei dem im Erstgespräch normalerweise der Satz fällt: „Bei uns funktioniert das sowieso nicht, wir sind zu abgelegen."

Der Fall von Cafe Sturmeck ist der Grund, warum wir diesen Satz nicht mehr unwidersprochen stehen lassen.

Die Ausgangslage#

Gesucht wurden Servicekräfte und Allrounder. Die Bedenken der Inhaberin vor dem Start hat sie selbst so beschrieben:

Die Frage ist, ob das überhaupt was bringt. Wie weit deckt Facebook und Instagram das überhaupt ab, dass man da genug Leute erreicht?

Maren Renner, Cafe Sturmeck, Insel Borkum

Das ist die häufigste Frage vor einer Kampagne, und bei einem Inselstandort ist sie berechtigter als anderswo.

Was passierte#

~130
Bewerbungen in einem MonatCafe Sturmeck, Insel Borkum ::: Aus diesen Bewerbungen wurden zehn Bewerbungsgespräche geführt. Die Einschätzung der Inhaberin zur Qualität: unter den 130 seien mindestens 20 „Rosinen" gewesen. Der Satz, der im Interview am meisten hängen bleibt, ist aber ein anderer: > Ich hab irgendwann zu dir gesagt: Haben wir irgendwie eine Pause? Das läuft zu gut. Aber > eigentlich — besser geht es nicht. > — Maren Renner Die Kampagne wurde auf Wunsch des Betriebs pausiert. ## Warum ein Randstandort im Feed kein Nachteil ist Das ist die eigentliche Erkenntnis aus diesem Fall, und sie widerspricht der Intuition. Auf einem Jobportal ist ein abgelegener Standort ein klarer Nachteil: Wer sucht, filtert nach Umkreis, und der Betrieb fällt aus der Liste. Im Feed funktioniert die Auswahl anders — die Anzeige wird ausgespielt, und der Leser entscheidet selbst, ob der Ort für ihn in Frage kommt. Dazu kommt ein zweiter Effekt: Auf dem Land und in Randlagen ist die Konkurrenz um Aufmerksamkeit geringer. In Wien oder Hamburg konkurriert deine Anzeige mit hunderten anderen Arbeitgebern. Auf einer Insel mit fünf Betrieben nicht. Und drittens: Für Saison- und Tourismusstellen ist der Standort oft gar kein Hindernis, sondern ein Argument — wenn Unterkunft dabei ist. Wer als Servicekraft ohnehin für eine Saison umzieht, entscheidet nicht nach Entfernung, sondern nach Angebot. Andere Kunden berichten dasselbe: Ein Landgasthof im Raum Stuttgart, ein Haus im Mühlviertel, ein Hotel in Tirol. Ausführlich in Warum Betriebe auf dem Land im Feed im Vorteil sind. ## Die unbequeme Seite von 130 Bewerbungen Es wäre einfach, diesen Fall als reine Erfolgsgeschichte zu erzählen. Er ist aber auch ein Beispiel für ein Problem, das wir ernst nehmen: Eine Zahl ist kein Ergebnis, solange sie niemand bearbeitet. 130 Bewerbungen heißen 130 Menschen, die eine Rückmeldung erwarten. Bei zehn Minuten je Telefonat sind das über zwanzig Stunden — in einem Betrieb, in dem die Inhaberin selbst im Service steht. Wer das nicht einplant, produziert unbeantwortete Bewerbungen, und die schaden dem Ruf mehr, als die Kampagne genützt hat. Was in solchen Fällen hilft: - Kampagne pausieren, sobald genug Kandidaten da sind. Genau das ist hier passiert. Eine laufende Kampagne, die niemand mehr bearbeitet, kostet Budget und Reputation. - Vorauswahl nutzen, damit Dubletten und offensichtlich Unpassende gar nicht erst auf dem Tisch landen — was KI dabei kann und was nicht. - Absagen schreiben. Kurz, ehrlich, mit der Möglichkeit, sich wieder zu melden. Der Talentpool von morgen entsteht genau hier — Absagen richtig schreiben. ## Was du aus dem Fall mitnehmen kannst - Randlage ist im Feed kein Ausschlusskriterium. Die Frage ist nicht, wie viele Menschen am Ort wohnen, sondern wie viele im gewählten Radius für den Beruf in Frage kommen — und bei Saisonstellen mit Unterkunft ist der Radius größer, als man denkt. - 130 sind nicht das Ziel. Das Ziel ist eine besetzte Stelle. Wenn zwanzig Bewerbungen reichen und du zwanzig gut bearbeitest, ist das das bessere Ergebnis als 130, die liegen bleiben. - Plane die Bearbeitung, bevor du startest. Wer anruft, wann, in welchem Zeitfenster. Das ist der Teil der Kampagne, der nicht bei uns liegt — und der über das Ergebnis entscheidet. Das vollständige Interview mit Maren Renner liegt öffentlich auf unserer Referenzseite, zusammen mit rund zwanzig weiteren Kundengesprächen.

Häufige Fragen

Sind 130 Bewerbungen ein typisches Ergebnis?

Nein. Das ist die stärkste Einzelzahl in unserem Bestand. Der Median über alle Kampagnen mit Bewerbungen liegt bei 22 — und einzelne Kampagnen sind unter fünf geblieben. Beides weisen wir auf der Referenzseite aus.

Was passiert mit Bewerbungen, die man nicht bearbeiten kann?

Sie sollten trotzdem beantwortet werden, wenn auch kurz. Unbeantwortete Bewerbungen sind der schnellste Weg zu einem schlechten Ruf in einer Branche, die regional gut vernetzt ist.

Kann man eine Kampagne einfach pausieren?

Ja, jederzeit und ohne Nachteil. Das nicht verbrauchte Werbebudget bleibt beim Kunden — es geht an Meta, nicht an uns. Mehrere Kunden haben Kampagnen vorzeitig beendet, weil die Stelle besetzt war.

Funktioniert das auch außerhalb der Tourismussaison?

Ja, mit anderen Zahlen. Saisonstellen haben den Vorteil, dass Kandidaten ohnehin wechselbereit und umzugsbereit sind. Außerhalb der Saison ist die Zielgruppe kleiner, dafür sucht man eher jemanden, der länger bleibt.

Gastronomie Kundenerfolg Saison

Geschrieben von

Dipl.-Ing. Dr. techn. Gerhard Reisinger

Promovierter Automatisierungsforscher (TU Wien), davor Fraunhofer Austria. Baut seit 2022 Recruiting-Kampagnen und die KI dahinter.

  • Dissertation TU Wien 2022 — „Entwicklung eines Vorgehensmodells zur automatisierten Informationsversorgung visueller Werkerführungssysteme"
  • 318 Zitationen, h-Index 6 (Google Scholar, Stand 30.07.2026)
  • Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Fraunhofer Austria — MMAssist II, Pilotfabrik Industrie 4.0 der TU Wien
Mehr über den Autor →

Weiterlesen