130 Bewerbungen auf einer Nordseeinsel
· 4 Min. Lesezeit
Der Fall auf einen Blick
- Ein Café auf der Insel Borkum suchte Servicekräfte und Allrounder und bekam in einem Monat rund 130 Bewerbungen.
- Aus dem Bestand wurden zehn Bewerbungsgespräche geführt; die Inhaberin sprach von „mindestens 20 Rosinen".
- Der Betrieb bat schließlich um eine Pause der Kampagne — nicht, weil sie schlecht lief, sondern weil sie zu gut lief.
- Die Lehre ist nicht „viel hilft viel". 130 Bewerbungen sind nur dann ein Ergebnis, wenn jemand sie bearbeitet.
- Ein Standort in Randlage ist im Feed kein Nachteil — dort ist die Konkurrenz um Aufmerksamkeit geringer als in der Stadt.
Wer nach Erfahrungen mit Social Recruiting in der Gastronomie sucht, findet meistens Zahlen ohne Kontext. Dieser Fall hat beides — und einen Standort, bei dem die meisten abwinken würden.
Borkum ist eine Nordseeinsel mit rund 5.000 Einwohnern. Wer dort in der Gastronomie arbeitet, wohnt entweder auf der Insel oder zieht dafür hin. Es ist ungefähr der Standort, bei dem im Erstgespräch normalerweise der Satz fällt: „Bei uns funktioniert das sowieso nicht, wir sind zu abgelegen."
Der Fall von Cafe Sturmeck ist der Grund, warum wir diesen Satz nicht mehr unwidersprochen stehen lassen.
Die Ausgangslage#
Gesucht wurden Servicekräfte und Allrounder. Die Bedenken der Inhaberin vor dem Start hat sie selbst so beschrieben:
Die Frage ist, ob das überhaupt was bringt. Wie weit deckt Facebook und Instagram das überhaupt ab, dass man da genug Leute erreicht?
Maren Renner, Cafe Sturmeck, Insel Borkum
Das ist die häufigste Frage vor einer Kampagne, und bei einem Inselstandort ist sie berechtigter als anderswo.
Was passierte#
Häufige Fragen
Sind 130 Bewerbungen ein typisches Ergebnis?
Nein. Das ist die stärkste Einzelzahl in unserem Bestand. Der Median über alle Kampagnen mit Bewerbungen liegt bei 22 — und einzelne Kampagnen sind unter fünf geblieben. Beides weisen wir auf der Referenzseite aus.
Was passiert mit Bewerbungen, die man nicht bearbeiten kann?
Sie sollten trotzdem beantwortet werden, wenn auch kurz. Unbeantwortete Bewerbungen sind der schnellste Weg zu einem schlechten Ruf in einer Branche, die regional gut vernetzt ist.
Kann man eine Kampagne einfach pausieren?
Ja, jederzeit und ohne Nachteil. Das nicht verbrauchte Werbebudget bleibt beim Kunden — es geht an Meta, nicht an uns. Mehrere Kunden haben Kampagnen vorzeitig beendet, weil die Stelle besetzt war.
Funktioniert das auch außerhalb der Tourismussaison?
Ja, mit anderen Zahlen. Saisonstellen haben den Vorteil, dass Kandidaten ohnehin wechselbereit und umzugsbereit sind. Außerhalb der Saison ist die Zielgruppe kleiner, dafür sucht man eher jemanden, der länger bleibt.
Geschrieben von
Dipl.-Ing. Dr. techn. Gerhard Reisinger
Promovierter Automatisierungsforscher (TU Wien), davor Fraunhofer Austria. Baut seit 2022 Recruiting-Kampagnen und die KI dahinter.
- Dissertation TU Wien 2022 — „Entwicklung eines Vorgehensmodells zur automatisierten Informationsversorgung visueller Werkerführungssysteme"
- 318 Zitationen, h-Index 6 (Google Scholar, Stand 30.07.2026)
- Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Fraunhofer Austria — MMAssist II, Pilotfabrik Industrie 4.0 der TU Wien