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Pflege: Warum Pflegekräfte nicht auf Jobportalen sitzen

In der Pflege konkurrierst du nicht um Arbeitslose, sondern um Menschen, die bereits in einer anderen Einrichtung stehen — und dort gerade überlegen.

Dr. Gerhard Reisinger Geschäftsführer SocialTalents

· aktualisiert 23.06.2026 · 4 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Pflegekräfte sind fast nie arbeitslos. Wer gesucht wird, arbeitet — und schaut deshalb nicht auf Jobportale.
  • Der Wechselgrund in der Pflege ist selten das Gehalt, sondern Dienstplansicherheit, Personalschlüssel und das Gefühl, die Arbeit nicht mehr richtig machen zu können.
  • Die stärksten Anzeigenargumente sind deshalb überprüfbare Zusagen zum Dienstplan — nicht Benefits.
  • Die Zielgruppe ist breit genug für Feed-Kampagnen, wenn du Pflegefachkraft, Pflegeassistenz und Betreuung getrennt ansprichst.
  • Wo es nicht funktioniert: sehr spezielle Qualifikationen im engen Radius. Ein Kunde hat genau das beobachtet — für die Pflege lief es, für den OP-Bereich nicht.

Die Pflege ist der Bereich, in dem der Satz „es gibt keine Leute mehr" am ehesten stimmt und trotzdem in die Irre führt. Es gibt zu wenige Pflegekräfte für die Zahl der offenen Stellen — das ist strukturell und lässt sich mit keiner Anzeige beheben.

Was sich beheben lässt, ist etwas anderes: wer von den vorhandenen Pflegekräften deine Einrichtung überhaupt zur Kenntnis nimmt.

Warum Portale in der Pflege wenig bringen#

Eine Pflegefachkraft, die du einstellen willst, arbeitet gerade in einer anderen Einrichtung. Sie ist nicht arbeitslos, sie sucht nicht aktiv, und sie hat seit Monaten kein Jobportal geöffnet.

Was sie hat, ist ein Gedanke, der seit einiger Zeit wiederkehrt: dass es so nicht weitergeht. Dieser Gedanke wird nicht zu einer Suche — er wird zu einer Reaktion, wenn ihr etwas begegnet, das anders aussieht.

Genau darum geht es beim Erreichen wechselbereiter Beschäftigter (Aktiv suchend oder wechselbereit). In der Pflege ist dieser Unterschied schärfer als in fast jeder anderen Branche, weil der Anteil der aktiv Suchenden verschwindend klein ist.

Was in der Pflege tatsächlich zum Wechsel führt#

Wer eine Anzeige schreibt, schreibt gegen die aktuelle Einrichtung des Wunschkandidaten. In der Pflege sind es fast immer dieselben Punkte, und Gehalt steht nicht an erster Stelle:

  1. Dienstplansicherheit. Wann steht der Plan? Wie oft wird aus dem Frei geholt? Das ist der mit Abstand häufigste Grund. Eine Zusage wie „wir holen niemanden aus dem Frei" ist in der Pflege ein stärkeres Argument als 200 Euro mehr.
  2. Personalschlüssel. Wie viele Bewohner oder Patienten kommen auf eine Kraft im Nachtdienst? Wer hier eine konkrete Zahl nennen kann, die besser ist als der Durchschnitt, sollte sie in die erste Zeile schreiben.
  3. Zeit für die eigentliche Arbeit. Der Satz, den man in Pflegeforen am häufigsten liest, lautet sinngemäß: Ich kann meine Arbeit nicht mehr so machen, wie ich sie gelernt habe. Wer dagegen etwas anzubieten hat, hat ein Argument, das keine Konkurrenz kopiert.
  4. Einarbeitung. Nicht „strukturierte Einarbeitung", sondern „vier Wochen mit fester Bezugsperson, ohne Anrechnung im Schlüssel".

Was regelmäßig in Anzeigen steht und wenig bewegt: Jobrad, Obstkorb, Mitarbeiterrabatte, „krisensicherer Arbeitsplatz". Der letzte Punkt ist besonders unglücklich — Sicherheit ist in der Pflege niemandes Sorge.

Die Zielgruppe muss getrennt werden#

„Pflegekraft" ist keine Zielgruppe. Die Qualifikationsstufen unterscheiden sich in Ausbildung, Aufgaben und Gehalt so deutlich, dass eine gemeinsame Anzeige alle schlecht anspricht:

GruppeZielgruppengrößeAnsprache
Pflegefachkraft / DGKPklein, stark umworbenDienstplan, Schlüssel, Verantwortung
PflegeassistenzmittelEinarbeitung, Perspektive, Weiterbildung
Betreuung / Alltagsbegleitungbreit, auch QuereinstiegEinstiegsmöglichkeit ausdrücklich nennen
Spezialbereiche (OP, Intensiv, Anästhesie)sehr kleinFeed-Kampagne allein trägt selten

Die letzte Zeile ist die wichtige Einschränkung. Ein Kunde von uns hat genau das beobachtet und im Gespräch selbst beschrieben: Für die Pflege habe es funktioniert, für die operativen Spezialbereiche und die Physiotherapie nicht. Das deckt sich mit unserer Erfahrung — bei sehr kleinen Zielgruppen greift die Feed-Mechanik schwächer, weil sie von Menge lebt.

Wer eine OP-Fachkraft mit bestimmter Zusatzqualifikation im Umkreis von 30 Kilometern sucht, bekommt von uns die ehrliche Auskunft, dass Direktansprache und Netzwerk die realistischeren Wege sind.

Was in der Pflege beim Rückruf anders ist#

Zwei Besonderheiten, die den Unterschied machen:

Die Erreichbarkeit folgt dem Schichtplan. Wer im Frühdienst war, ist ab 15 Uhr erreichbar. Wer Nachtdienst hatte, schläft vormittags. Ein einziges Anrufzeitfenster reicht deshalb nicht — fünf Versuche über sieben Tage zu verschiedenen Tageszeiten sind hier keine Übertreibung, sondern Voraussetzung.

Diskretion zählt. Viele Pflegekräfte wollen nicht, dass die aktuelle Einrichtung von ihrem Interesse erfährt. Ein Rückruf auf die Diensthandynummer ist ein Fehler; die Frage „Wann und wo kann ich dich erreichen, ohne dass es unangenehm wird?" gehört ins erste Gespräch.

Was realistisch ist#

Für Pflegeassistenz und Betreuung in einer Region mit mehreren Einrichtungen sind zweistellige Bewerberzahlen im Monat üblich. Für Pflegefachkräfte deutlich weniger — dafür mit höherer Trefferquote, weil sich kaum jemand ohne Qualifikation auf eine Fachkraftstelle bewirbt.

Was wir nicht versprechen: dass eine Kampagne den Fachkräftemangel in der Pflege löst. Sie verschafft dir Zugang zu Menschen, die von deiner Einrichtung sonst nie erfahren hätten. Ob sie wechseln, entscheidet dein Angebot — und in der Pflege ist das Angebot der Dienstplan.

Häufige Fragen

Funktioniert Social Recruiting in der Pflege?

Für Pflegeassistenz, Betreuung und in vielen Regionen auch für Pflegefachkräfte ja. Für sehr spezielle Bereiche wie OP oder Anästhesie ist die Zielgruppe meist zu klein — dort sind Direktansprache und Netzwerk zuverlässiger.

Welches Argument zieht in Pflege-Stellenanzeigen am besten?

Alles, was den Dienstplan betrifft und überprüfbar ist: wann der Plan steht, ob aus dem Frei geholt wird, wie der Nachtdienst besetzt ist. Diese Angaben schlagen Benefits und in vielen Fällen auch das Gehalt.

Warum bewerben sich Pflegekräfte nicht auf meine Portalanzeige?

Weil sie arbeiten und deshalb nicht suchen. Portale erreichen aktiv Suchende — und die sind in der Pflege eine sehr kleine Gruppe.

Wie gehe ich mit Bewerbern um, die noch gekündigt werden müssen?

Als Normalfall einplanen. Kündigungsfristen von einem bis drei Monaten sind in der Pflege üblich; wer erst sucht, wenn die Stelle offen ist, hat diese Zeit bereits verloren.

Pflege Zielgruppe Stellenanzeige

Geschrieben von

Dipl.-Ing. Dr. techn. Gerhard Reisinger

Promovierter Automatisierungsforscher (TU Wien), davor Fraunhofer Austria. Baut seit 2022 Recruiting-Kampagnen und die KI dahinter.

  • Dissertation TU Wien 2022 — „Entwicklung eines Vorgehensmodells zur automatisierten Informationsversorgung visueller Werkerführungssysteme"
  • 318 Zitationen, h-Index 6 (Google Scholar, Stand 30.07.2026)
  • Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Fraunhofer Austria — MMAssist II, Pilotfabrik Industrie 4.0 der TU Wien
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