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Die Stellenanzeige, die deine Konkurrenz gerade schaltet

Die Anzeigen deiner Mitbewerber sind öffentlich einsehbar. Die meisten Betriebe wissen das nicht — und schreiben deshalb dasselbe wie alle anderen.

Kurz gesagt

  • Werbeanzeigen sind gesetzlich öffentlich einsehbar — die Werbebibliothek der Plattformen zeigt, wer gerade was schaltet.
  • In dreißig Minuten lässt sich damit beantworten: Wer wirbt in meiner Region um dieselben Leute, seit wann, und womit?
  • Der Nutzen liegt nicht im Abschauen, sondern im Finden der Lücke: Was sagen alle, und was sagt niemand?
  • Wenn ein Mitbewerber dieselbe Anzeige seit Monaten schaltet, heißt das meistens: Sie funktioniert. Häufige Wechsel heißen das Gegenteil.
  • Wichtige Einschränkung: Die Bibliotheken zeigen nur bezahlte Anzeigen. Wer nicht wirbt, taucht nicht auf — auch wenn er ein starker Arbeitgeber ist.

Die meisten Betriebe schreiben ihre Stellenanzeige, ohne zu wissen, was der Betrieb im Nachbarort gerade schreibt. Das ist erstaunlich, weil diese Information öffentlich ist.

Werbeplattformen sind gesetzlich verpflichtet, laufende Anzeigen einsehbar zu machen. Für dich heißt das: Du kannst nachsehen, wer in deiner Region gerade um dieselben Leute wirbt, seit wann, und mit welchen Argumenten.

Was du in dreißig Minuten herausfindest#

Wer überhaupt wirbt. Häufig sind es andere Betriebe als erwartet: nicht die drei Restaurants im Ort, sondern eine Hotelgruppe zwei Täler weiter, ein Personaldienstleister und ein Industriebetrieb, der dieselbe Zielgruppe abschöpft.

Seit wann. Das Startdatum steht dabei. Eine Anzeige, die seit vier Monaten unverändert läuft, funktioniert vermutlich — sonst hätte jemand sie längst geändert. Eine, die alle zwei Wochen wechselt, funktioniert vermutlich nicht.

Womit sie werben. Und das ist der eigentliche Ertrag: Meist stellt sich heraus, dass alle dasselbe sagen. Und dann ist die Lücke offensichtlich.

So gehst du vor#

  1. Die Werbebibliothek der Plattform öffnen. Meta betreibt eine öffentlich zugängliche Ad Library; ähnliche Verzeichnisse gibt es bei den anderen großen Plattformen.
  2. Nach Region und Land filtern, dann nach Suchbegriffen wie „Koch", „Pflegefachkraft", „Elektriker" oder nach Namen bekannter Mitbewerber.
  3. Zehn bis fünfzehn Anzeigen ansehen und in eine Tabelle schreiben: Wer, seit wann, welches Argument im ersten Satz, welches Motiv, welcher Bewerbungsweg.
  4. Zwei Spalten bilden: Was sagen alle? Was sagt niemand?

Die zweite Spalte ist deine Anzeige.

Die Lücke ist der Ertrag#

Bei Auswertungen dieser Art in Gastronomie, Pflege und Handwerk sehen wir immer wieder dasselbe Bild: Praktisch alle Anzeigen werben mit denselben drei Dingen — gutes Team, faire Bezahlung, moderne Ausstattung.

Was praktisch niemand nennt:

  • Wann der Dienstplan steht und ob er verbindlich ist
  • Wie lange die Leute bleiben — „drei von sechs sind über zehn Jahre da"
  • Wer zurückruft, mit Namen, und wie schnell
  • Der ehrliche Nachteil — „Samstag ist Dienst, dafür zwei Tage am Stück frei"

Jeder dieser Punkte kostet dich nichts und ist überprüfbar. Genau deshalb wirkt er (Was in eine Recruiting-Anzeige gehört).

Was die Bibliotheken nicht zeigen#

Drei Einschränkungen, damit die Auswertung nicht in die Irre führt:

Nur bezahlte Anzeigen. Ein Betrieb, der über sein Netzwerk oder über Empfehlungen besetzt, taucht dort nicht auf — auch wenn er dein stärkster Wettbewerber um dieselben Leute ist.

Keine Ergebnisse. Du siehst, dass jemand wirbt, nicht ob es funktioniert. Die Laufzeit ist ein Hinweis, kein Beleg.

Nicht die ganze Konkurrenz. Wer auf Portalen inseriert oder über die Arbeitsvermittlung sucht, ist in einer Werbebibliothek unsichtbar. Für ein vollständiges Bild gehört ein Blick auf die Portale und auf die Karriereseiten dazu — Letztere sind ohnehin die einzige Quelle, die eine offene Stelle wirklich belegt.

Was du daraus nicht machen solltest#

Nicht abschreiben. Wenn du die Anzeige des Mitbewerbers kopierst, bist du die zweite Anzeige, die dasselbe sagt — und der Erste war zuerst da.

Nicht vergleichend werben. Direkte Vergleiche mit namentlich genannten Betrieben sind wettbewerbsrechtlich heikel und in einer kleinen Region zusätzlich unklug.

Nicht überreagieren. Wenn ein größerer Betrieb mehr Gehalt bietet, ist die Antwort nicht, mitzuziehen. Die Antwort ist, das zu betonen, was er strukturell nicht bieten kann: kurze Wege, sichtbare Arbeit, ein Chef, der selbst entscheidet (Employer Branding im KMU).

Der Nebenertrag: dein eigener Markt wird sichtbar#

Wer diese Übung einmal macht, bekommt nebenbei eine Antwort auf eine Frage, die für die Kanalwahl wichtiger ist als jede Anzeigenformulierung: Wie viele Betriebe in meiner Region beschäftigen eigentlich Menschen mit diesem Beruf?

Aus dieser Zahl folgt die Größe der erreichbaren Zielgruppe — und damit, ob eine Feed-Kampagne überhaupt trägt (wann sie das nicht tut).

Häufige Fragen

Kann ich sehen, welche Stellenanzeigen meine Konkurrenz schaltet?

Ja, für bezahlte Anzeigen auf den großen Werbeplattformen. Diese betreiben öffentlich zugängliche Werbebibliotheken, in denen laufende Anzeigen samt Startdatum einsehbar sind.

Was sagt die Laufzeit einer Anzeige aus?

Eine Anzeige, die seit Monaten unverändert läuft, funktioniert vermutlich — sonst hätte jemand sie geändert. Häufige Wechsel deuten eher darauf hin, dass etwas nicht wirkt. Beides ist ein Hinweis, kein Beleg.

Darf ich Anzeigen von Mitbewerbern als Vorlage nehmen?

Formulierungen wörtlich zu übernehmen ist weder rechtlich sauber noch sinnvoll — du wärst die zweite Anzeige mit derselben Aussage. Der Nutzen liegt darin, die Lücke zu finden: was alle sagen und was niemand.

Wie oft sollte ich das machen?

Ein- bis zweimal im Jahr genügt, und immer vor einer neuen Kampagne. Der Markt verändert sich in dieser Frequenz genug, um einen neuen Blick zu rechtfertigen.

Praxis Wettbewerb Stellenanzeige

Geschrieben von

Dipl.-Ing. Dr. techn. Gerhard Reisinger

Promovierter Automatisierungsforscher (TU Wien), davor Fraunhofer Austria. Baut seit 2022 Recruiting-Kampagnen und die KI dahinter.

  • Dissertation TU Wien 2022 — „Entwicklung eines Vorgehensmodells zur automatisierten Informationsversorgung visueller Werkerführungssysteme"
  • 318 Zitationen, h-Index 6 (Google Scholar, Stand 30.07.2026)
  • Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Fraunhofer Austria — MMAssist II, Pilotfabrik Industrie 4.0 der TU Wien
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