Kurz vor der Aufgabe — und dann kamen die Bewerbungen
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Der Fall auf einen Blick
- Eine Gastronomin suchte einen Koch und stand kurz davor, den Betrieb aufzugeben.
- Vom Arbeitsamt kamen 20 Vorschläge — es meldete sich niemand, wörtlich: „nicht einer".
- Ihre eigene Erwartung vor der Kampagne: „Eigentlich glaube ich da nicht mehr dran, weil das haben schon viele probiert."
- In der ersten Kampagne bewarben sich in den ersten vier Wochen mehrere Kandidaten — nach ihren Worten „relativ viele, dass man sonst gar keine hat".
- Die Lehre ist nicht, dass Vermittlung nicht funktioniert. Sie ist, dass vermittelte Kontakte und erreichte Menschen zwei verschiedene Dinge sind.
Manche Fälle erzählt man wegen der Zahl. Diesen erzählen wir wegen des Ausgangspunkts.
Die Inhaberin eines Gastronomiebetriebs suchte einen Koch beziehungsweise eine Köchin. Nicht als Optimierung, sondern als Existenzfrage: Sie stand davor, den Betrieb aufzugeben.
Was vorher versucht wurde#
Der Weg über die Arbeitsvermittlung war gegangen worden, und das Ergebnis ist der Satz, der uns aus diesem Gespräch geblieben ist:
Es hat sich keiner gemeldet, nicht einer.
Inhaberin, Schnitzeltower, über 20 Vorschläge des Arbeitsamts
Zwanzig übermittelte Vorschläge, null Rückmeldungen. Das ist keine Kritik an der Vermittlung — sie hat getan, was sie tun kann. Es beschreibt aber genau den Unterschied, um den es in der Personalgewinnung geht: Ein übermittelter Kontakt ist kein erreichter Mensch.
Wer aus einer Liste kontaktiert wird, ohne dass er etwas gesucht hat, reagiert selten. Wer im eigenen Feed etwas sieht, das ihn betrifft, reagiert manchmal. Das ist der ganze Unterschied, und er entscheidet über zwanzig zu null.
Die Erwartung vor dem Start#
Auch dieser Fall begann nicht mit Begeisterung:
Eigentlich glaube ich da nicht mehr dran, weil das haben schon viele probiert. Ich war mit meinem Latein wirklich schon ein bisschen am Ende und stand davor, mein Unternehmen aufzugeben.
Inhaberin, Schnitzeltower
Das ist die häufigste Ausgangslage in unseren Erstgesprächen, und es ist der Grund, warum wir in diesen Gesprächen keine Begeisterung erzeugen wollen. Wer schon dreimal enttäuscht wurde, braucht keine Versprechen, sondern eine nüchterne Einschätzung, ob seine Stelle im Feed besetzbar ist. Manchmal lautet die Antwort nein — dann sagen wir das.
Hier lautete sie ja: Koch ist ein Beruf mit ausreichend Menschen im erreichbaren Umkreis, die gerade woanders arbeiten.
Was passierte#
Aus ihren eigenen Worten zur ersten Kampagne:
Es haben sich gerade in der ersten Kampagne, in den ersten vier Wochen, relativ viele beworben — dass man sonst gar keine hat.
Inhaberin, Schnitzeltower
Wir nennen hier bewusst keine Zahl. Im Interview wurde keine genannt, und wir rechnen keine dazu. Was gesagt wurde, ist die Richtung: von null auf mehrere, in vier Wochen.
Warum der Vergleich mit dem Arbeitsamt lehrreich ist#
Nicht, weil der eine Weg gut und der andere schlecht wäre. Sondern weil beide verschiedene Menschen ansprechen:
| Vermittlung | Feed-Kampagne | |
|---|---|---|
| Wer wird kontaktiert | gemeldete Arbeitsuchende | alle im Radius, die zum Beruf passen |
| Zustand des Kontaktierten | wurde vermittelt | hat selbst reagiert |
| Ausgangsmotivation | fremdbestimmt | eigenes Interesse |
| Kosten | keine | Werbebudget + Betreuung |
Die dritte Zeile ist die entscheidende. Wer sich selbst meldet, hat eine Entscheidung getroffen — und sei es nur die, mehr wissen zu wollen. Wer vermittelt wird, hat das nicht.
Die praktische Konsequenz: Beide Wege nebeneinander zu nutzen kostet nichts extra, weil die Vermittlung kostenlos ist. Aber sich auf sie allein zu verlassen, heißt, ausschließlich mit der kleinsten Gruppe des Marktes zu arbeiten (Aktiv suchend oder wechselbereit).
Was du aus dem Fall mitnehmen kannst#
- Der Beruf war nie das Problem. Wie eine Küchenstelle heute besetzt wird, steht in Koch gesucht.
- „Es hat schon jeder probiert" ist kein Beweis. Es beschreibt meistens, dass immer wieder derselbe Kanal probiert wurde — Portal, Vermittlung, Zeitung. Alle drei erreichen dieselbe Gruppe.
- Der Zeitpunkt, an dem man handelt, ist zu spät gewählt. Wenn ein Betrieb kurz vor der Aufgabe steht, hat er wenig Spielraum: kein Budget, keine Nerven, keine Zeit für Rückrufe. Eine Kampagne wirkt in dieser Lage trotzdem, aber sie hätte ein Jahr früher billiger gewirkt.
- Die Ausgangslage entscheidet nicht über das Ergebnis. Die Skepsis dieser Inhaberin war berechtigt und hat nichts daran geändert, dass die Zielgruppe erreichbar war. Was zählt, ist nicht der Glaube an die Methode, sondern ob genug Menschen im Radius den Beruf ausüben.
Der Punkt, an dem wir abraten würden#
Damit dieser Beitrag nicht als Versprechen gelesen wird: Wäre der Betrieb an einem Ort gewesen, an dem im Umkreis kaum jemand mit Küchenerfahrung wohnt, hätten wir dieselbe Kampagne nicht empfohlen. Und wenn absehbar gewesen wäre, dass niemand Zeit hat, Bewerber binnen weniger Tage anzurufen, ebenfalls nicht.
Diese beiden Fragen — erreichbare Zielgruppe und Kapazität für Rückrufe — klären wir vor jeder Kampagne. Sie sind der Unterschied zwischen einem Fall wie diesem und einer enttäuschten Erwartung.
Das vollständige Interview liegt öffentlich auf unserer Referenzseite, gemeinsam mit rund zwanzig weiteren Kundengesprächen und den Screenshots aus dem Werbekonto.
Häufige Fragen
Warum meldet sich niemand auf Vorschläge der Arbeitsvermittlung?
Weil ein vermittelter Kontakt keine eigene Entscheidung ist. Wer angesprochen wird, ohne selbst gesucht zu haben, reagiert deutlich seltener als jemand, der von sich aus auf eine Anzeige reagiert.
Lohnt sich eine Kampagne, wenn ein Betrieb finanziell angespannt ist?
Das lässt sich nur mit der Gegenrechnung beantworten: Was kostet die Stelle, solange sie offen ist? Wenn deswegen Öffnungszeiten gekürzt oder Bereiche geschlossen werden, ist der Ausfall in der Regel größer als die Kampagne — die Rechnung steht in Was eine unbesetzte Stelle wirklich kostet.
Ist so ein Ergebnis übertragbar?
Nur bedingt. Übertragbar ist die Diagnose — dass mehrere gescheiterte Versuche oft denselben Kanal betrafen. Nicht übertragbar ist eine Ergebniszusage; das hängt an Beruf, Region und Angebot.
Was, wenn im Umkreis wirklich niemand den Beruf ausübt?
Dann sagen wir das im Erstgespräch. Bei sehr kleinen Zielgruppen greift die Feed-Mechanik schwächer, und Direktansprache oder ein größerer Radius mit Unterkunftsangebot sind die ehrlicheren Wege.
Geschrieben von
Dipl.-Ing. Dr. techn. Gerhard Reisinger
Promovierter Automatisierungsforscher (TU Wien), davor Fraunhofer Austria. Baut seit 2022 Recruiting-Kampagnen und die KI dahinter.
- Dissertation TU Wien 2022 — „Entwicklung eines Vorgehensmodells zur automatisierten Informationsversorgung visueller Werkerführungssysteme"
- 318 Zitationen, h-Index 6 (Google Scholar, Stand 30.07.2026)
- Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Fraunhofer Austria — MMAssist II, Pilotfabrik Industrie 4.0 der TU Wien